EIN LEBEN FÜR DIE FILZKUNST: UNSER 30. JAHRESTAG
Die Ungarn sind in der Zeit der Völkerwanderung von Mittelasien mit
ihren Filzzelten nach Europa gekommen. Bis heute besteht die
lebendigste europäische Filztradition in Ungarn. Man sagt, die Ungarn
haben diese Tradition im 10. Jh. nach Europa getragen.
Wir selbst begannen 1979 in Magyarlukafa mit unseren ersten
Filzarbeiten und bereisten bis 1982 unser Land und die ungarischen
Hutmacher in Siebenbürgen, immer auch auf der Suche nach schriftlichen
Quellen dieses Handwerks. Noch 1982 beendeten wir beide unser Studium
an der Pädagogischen Hochschule von Kecskemét und begannen unsere
berufliche Tätigkeit am Spielzeugmuseum „Szórakaténusz“ am Ort der
Hochschule, Mari als Leiterin der museumspädagogischen Werkstatt und
István als freier Künstler.
Im Jahre 1983 machten wir unsere erste große Studienreise durch Europa,
nach Moskau, Leningrad, Helsinki und Turbu in Finnland, nach Wasa, Umeå
und Malmö in Schweden, nach Kopenhagen, Hamburg, Hannover, Berlin,
Amsterdam, Haarlem, Paris und Wien. Noch im selben Jahr verfassten wir
die Schrift „Traditionelles Filzen in Eurasien“, die mit Ergänzungen
bis heute 300 Manuskriptseiten umfasst, und richteten siebentägige
Filzkunstlager für ungarische Teilnehmer sowie weitere
Fortbildungsveranstaltungen aus. Das erste Welt-Filzkunst-Treffen mit
rd. 40 Teilnehmern, mit einer wissenschaftlichen Konferenz und einer
Ausstellung mit traditionellen und zeitgenössischen Filzarbeiten
richteten wir dann 1984 aus. Damit war unser internationales
Filzkunstzentrum geboren. Danach, bis 1988, veranstalteten wir jeden
Sommer in der Werkstatt in Kecskemét und im 30 km entfernten
Naturschutzgebiet Székekpuszta internationale Filzkunstlager. Hier
trafen sich an einem der wenigen Orte in unserer Branche Künstler aus
dem Ostteil und Westteil des geteilten Europa, darüber hinaus aus
Nordamerika, Australien, Neuseeland und Japan. Die Zeitschrift
Textilforum in Hannover unterstützte diese Internationalisierung
unserer Initiativen.
Im Laufe der Zeit hatten wir viele Informationen zusammengetragen und
die Bekanntschaft mit Wissenschaftlern und Praktikern auf dem Gebiet
des Filzens gemacht. 1987 hielten wir unser erstmals in Turkmenistan
auf, wo wir und unsere ungarischen Freunde ergänzende Forschungen
betrieben, u. a. auch in Bulgarien, Georgien, der Türkei, Kasachstan
und der Mongolei. 1987 bis 1990 hielten wir in Finnland alljährlich
Filzkurse ab.
Inzwischen war in Europa und weltweit eine lebendige Filzkunstgemeinde
entstanden, die auch international zu agieren begann, nachdem 1984
bereits in England die International Feltmakers Association (IFA) mit
ihrer Zeitschrift Echos gegründet worden war. In vielen Ländern waren
wir ab 1990 zu Filzkursen und Ausstellungen eingeladen, beginnend mit
Schweden, wo das 2. Welttreffen der Filzer stattfand. Zwischenzeitlich
hielten wir uns in der Schweiz auf, dann wieder in Arhus/Dänemark, wo
1992 das 3. Welttreffen stattgefunden hatte. Dieser Art Treffen setzten
sich bis 2004 fort, 1995 in Tilburg, 1997 in Landquart/CH, 1999 in
Jyväskylä/FIN, 2000 Bergen/N und zuletzt wieder bei uns in Kecskemét
und Budapest. Zwischendurch wurden wir immer wieder in Dänemark,
Deutschland, Finnland, Österreich, Italien, Frankreich, Belgien und
Zuhause als Kursleiter tätig, aber auch in Indien, von 2007 bis heute
viermal. Zurzeit, bis 13. Februar, absolviert István eine Studienreise
durch Indien, immer auf dem Filzpfad...
Zu Beginn des neuen Jahrtausends entstand ein regelrechter Filzboom,
mit fragwürdigen und erfreulichen Auswirkungen. Viele Leute sprangen
auf den Trend nur auf, um schnelle Erfolge aufzuweisen, sei es als
Buchautor, Kursleiter oder Teilnehmer von Filzkunstausstellungen.
Andererseits entstehen viele sehr reife Arbeiten von Künstlern, die im
Laufe der Jahre ihre Studien vertieft hatten. Eine bedeutende
Filzkunstausstellung war von der deutschen Textilkünstlerin Katharina
Thomas organisiert worden, im Badischen Landesmuseum in Karlsruhe
erstmals gezeigt, danach im Deutschen Textilmuseum in Krefeld und
nochmals im Landesmuseum für Vorgeschichte in Dresden.
Es entstanden auch (z. T. mehrjährige) längere Fortbildungsangebote, so
z. B. mit der dänischen Filzerin, Lene Nielsen, in Zusammenarbeit mit
der Zürcher Werkstatt in Kirchberg/Schweiz. Im Jahre 2005 hatte István
in Deutschland ein vierjähriges Projekt durchgeführt, das unter dem
Namen Internationale Filzausbildung Deutschland (IFAB) bekannt wurde
und an dem acht Filzerinnen teilgenommen hatten. Von diesen bestanden
vier ihre Gesellenprüfung in Finnland. Von 2006 bis 2007 hatten wir
zusammen mit Annemie Koenen eine „Internationaale Vilt Akademie (IVA)“
organisiert, an der 23 Personen beteiligt waren. Hier beginnen wir in
diesem Jahr wieder eine neue zweijährige „Vilt Akademie“. Von 2008 bis
2009 gab es gleich zwei zweijährige Filzfortbildungen, eine in
Deutschland bei Wollknoll in Baden-Württemberg und eine in der
Kunsthochschule in Patäjävesi/Finnland unter Leitung von Leena Sipilä.
Mit der Zeit wird die Diskrepanz zwischen denjenigen, die das Filzen
als künstlerischen Beruf betreiben und den Hobbyisten immer größer. Das
Filzen hat auch Eingang in die Kunsttherapie und den Kunstunterricht
gefunden. Insbesondere die Rudolf-Steiner-Schulen sind in letzterem
Falle besonders aktiv. Wir können nur hoffen, dass das Filzen in
Zukunft eine immer größere Bedeutung erlangt.
Erschienen im: Textile Forum Magazine, 2010/1. (Beatrijs Sterk)
Anmerkungen
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Das erste wichtige Buch erschien 1972 vom georgischen Autor N.
Cagareli, der über die georgischen Filztraditionen und zeitgenössischen
Filzarbeiten berichtete.
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In den Jahren 1972 bis 1974 hatten die ungarische Ethnologin Veronika
Molnar Gervers und ihr Mann Michael als Mitarbeiter des Royal Ontario
Museum in der Türkei und im Iran gründlich geforscht und in
verschiedenen Fachzeitschriften veröffentlicht.
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1976 legte Katharina Agren das erste Lehrbuch zum skandinavischen Prozess des Filzens auf schwedisch vor.
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Zur Bibel des Filzens wurde 1979 das Katalogbuch „Die Kunst des Filzens
(The Art of the Felt Maker)“ von Mary Burkett, die in England eine
gleichnamige Ausstellung ausgerichtet hatte.
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